Diese 13 Minuten

Mein Highlight des Tages

Dieser Augenblick ist der erste Gedanke, wenn ich morgens aufwache. Noch bevor meine Augen meine Umgebung wirklich einfangen können, sehe ich vor dem inneren Auge schon diesen Moment. Seit dieses Zeitfenster für mich existiert, stehe ich mit einem Lächeln auf und erledige die Dinge mit einer Leichtigkeit, die mir zuvor fremd war.

Schon auf dem Weg zur Arbeit kann ich meine Vorfreude und meine Begeisterung kaum in Grenzen halten. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Sonne scheint oder der Himmel von Wolken verziert ist, denn für mich sind diese 13 Minuten losgelöst von Raum und Zeit. Auf der Arbeit angekommen, kann ich es kaum erwarten, bis sie vollbracht ist und ich endlich in mein kleines Idyll fliehen kann.

Ich denke oft an die Zeit, bevor diese Zeit existierte. Ich quälte mich aus dem Bett und schleppte mich zur Arbeit. Zwar spielte es auch damals schon keine Rolle, ob die Sonne scheint oder der Himmel mit Wolken bedeckt war. Schließlich war jeder Tag grau und trist. Die Zeit zog sich und die Tage wollten nicht enden. Auch wenn ich abends wieder mein Appartement betrat, hoffte ich bloß, der Tag würde sich schnell dem Ende neigen. Dabei erschien mir ein Tag wie jeder andere und ich fand mich schon fast damit ab.


780 Sekunden – 13 Minuten 
-Ein vollkommener Moment-

Wie sich doch alles ändert

Feierabend… alle stürmen aus dem Büro, um endlich nach Hause zu kommen und den stressigen Arbeitstag hinter sich zu lassen. Doch bei mir ist es anders. Ich vergesse das Geschrei und den Stress schon in dem Moment, in dem ich meine Tasche nehme und das Gebäude verlasse. Ich weiß genau, wohin mein Weg mich führt. Auf dem Weg zum Bahnhof begrüße ich den netten Obstverkäufer, an dem ich vorher immer nur mit mieser Miene vorbeigelaufen bin. Passanten, die nicht lächeln, werden freundlich gegrüßt und manchmal zaubert auch ihnen das ein Lächeln ins Gesicht.

Ein Blick auf die Uhr und gleich ist es so weit…

Ich betrete die Bahnhofshalle, die zu dieser Zeit so viele Menschen beherbergt, als würde ein Weihnachtsmarkt stattfinden. Während sich die Menschen schieben und schubsen, weiche ich ihnen leichtfüßig -mit dem Ziel vor Augen- aus.

Als ich die Treppen zum Gleis hinaufsteige, ertönt in meinem Kopf schon so eine Musik. So eine, wie sie in Filmen und Serien benutzt wird, wenn der Protagonist auf dem Weg zu seinem Ziel ist. Fast wie in Zeitlupe betrete ich das Gleis und laufe durch die Menschenmasse. Mit dem Wissen, dass in wenigen Sekunden diese 13 Minuten beginnen, erblicke ich dieses kleine gelbe Kästchen auf dem Boden. Ich betrete es und einen Moment später ist so weit…

Du stehst wieder dort und sofort verschwindet alles andere um mich herum. Ich male mir aus, wie wir beide in den nächsten Zug steigen und einfach verschwinden.


11.10.2019

Heute verspätete sich Dein Zug, der normalerweise nach ungefähr 780 Sekunden eintrifft. Durch einen durchfahrenden Zug verzögerte sich die Einfahrt deines Zuges um wenige Minuten. Du standst wieder an der gleichen Stelle wie immer und ich schräg hinter dir an diesem komischen Getränkeautomaten. Hin und wieder sahen wir uns an und lächelten, schauten dann aber auch direkt wieder auf bestimmte Punkte. Du meistens auf das Werbeplakat auf der anderen Seite und ich auf diesen seltsamen Automaten. Nie wechselten wir ein Wort, bis zu diesem Tag.

Als der andere Zug durchfuhr, wehte es Dir die Ray-Ben vom Kopf, die wie durch das Schicksal vor meinen Füßen landete. Ich hob sie auf, gab sie Dir und du zögertest einen Moment. Nachdem Du Dich bedankt hast, schienst Du noch etwas sagen zu wollen, doch in diesem Augenblick fuhr mein Zug ein. Ich lächelte Dir noch einmal zu und stieg in meinen Zug.


18.10.2019

Diese letzten 13 Minuten

Hätte, wenn und aber…

Die folgenden Tage war von Dir keine Spur zu sehen. Auch das Umschauen auf dem Gleis blieb erfolglos. Ich nahm mir vor die ganze Woche vor, Dich beim nächsten Mal anzusprechen und mir diese Chance nicht noch einmal entgehen zu lassen. Ich malte mir aus, wie du reagieren würdest und wie wir gemeinsam aus diesen 13 Minuten einen Zeitraum erschaffen könnten, dessen Ende unbestimmt wäre.

Auch heute stand ich wieder an diesem Automaten wie jeden Tag. Als ich gerade auf die Uhr schauen wollte, sah ich Dich im Augenwinkel. Du standst wieder an dieser einen Stelle. Doch noch bevor ich einen Schritt in Deine Richtung machen konnte, nahm jemand Deine Hand.


Wenn ich nicht wieder einmal gezögert hätte, aber ich tat es und werde es vielleicht bereuen…

 

 

 

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