Der letzte Punkt ist gesetzt

Der letzte Punkt ist gesetzt

-Einst schrieben wir Bände-
…was noch bleibt…
-nicht mehr nach Dir greifende Hände-

Als wir uns trafen, lebten wir in den Scherben unseres vergangenen Seins und waren auf der Suche nach einer Zukunft. Wie die Reste verbrannter Geschichten, suchten wir einen Zusammenhang. Gar einen tieferen Sinn, der vielleicht noch zwischen den Versen der Fragmente verborgen blieb.

Auf der Suche nach dem, was wir uns erhofften zu finden, fanden wir jedoch uns. Wie das Pergament und die Feder schienen wir gemeinsam in der Lage zu sein, aus den vergangenen Kapiteln die Quintessenzen vereinen zu können und so eine neue Geschichte zu schreiben.
Sie sollte so glanz- und prunkvoll sein, dass nicht einmal ein goldener Einband auch nur ihren Inhalt hätte wiederspiegeln können. Wir begannen und die ersten Buchstaben erschienen wie durch Magie zu erscheinen. Wir verloren uns in phantasievollen Gebilden, die wir zusammen erschufen und wussten, dass der letzte Punkt noch lange warten würden. Was wir begannen, sollte zu einem Lebenswerk, einer unendlichen Geschichte werden. Jedoch ahnten wir nicht, wie schnell aus einer Romanze eine Tragödie werden sollte…

Die gemeinsamen Kapitel

Wir reisten so schnell durch unsere Kapitel und ließen dabei den Stift nicht eine Sekunde ruhen. Die Zeilen schrieben sich immerhin wie von selbst und sie noch einmal zu genießen, erschien nur wie Zeitverschwendung. Füreinander bestimmt und die nächsten Bände scheinbar schon bereitgelegt, sprangen wir einfach über die Absätze und missachteten dabei jegliche Metren, die uns vielleicht den Weg gewiesen hätten. Wir waren so auf die Zukunft fokussiert, dass wir vieles übersahen. Vielleicht auch, dass manches der Kommata schon der letzte Punkt hätte sein müssen.

Wir gaben den Kapiteln nicht einmal Überschriften und bezifferten sie nur, wodurch sie sich von Beginn an näher waren als wir wahrscheinlich dachten. Wir hatten nur Augen füreinander und die Außenwelt verschwand. Während wir über die Seiten tanzten, gab es jedoch keinen Blick auf das Geschriebene…

Wir verschwanden in den Buchstaben und kannten in unserer Geschichte keine Schreibblockaden. Lücken wurden mit sinnlosen Worthülsen wie „Ewigkeit“ und „für immer“ gefüllt, wodurch wir jederzeit ein Ass im Ärmel hatten. Doch sehen wir beide zurück, wissen wir genau, dass der letzte Punkt nur auf sich warten ließ.

Ein letzter Blick – das letzte Zeichen wird gesetzt

-Bis heute sah ich mir die bisherigen Bände gerne noch einmal an-


Auch, nachdem unsere gemeinsame Geschichte ein Ende fand, fanden wir nicht die Gelegenheit, endlich ein Siegel zu finden, das unserer Vergangenheit gerecht werden könnte und schlugen immer wieder die letzten Seiten auf. Wir beschlossen, dass der letzte Punkt doch nur einen Abschnitt bestimmen sollte. Wir griffen erneut zur Feder, doch es fühlte sich nicht mehr wie die an, mit der wir einst begannen und so brachen die scheinbar neuen Kapitel immer wieder nach den ersten Absätzen und blieben, wie auch wir in der Vergangenheit, nur einzelne Fragmente.

Heute sehe ich sie mir gerne noch einmal an und stolpere dabei über die Zeilen, die uns schon offenbarten, dass wir kein Bestseller werden konnten. Wir verrannten uns so sehr auf den leeren Seiten und waren so bestrebt sie zu füllen, dass wir dabei den Sinn der Liebe vergaßen. Wir sagten diese Worte immer wieder und doch änderten sie nichts daran, dass aus dem einst goldenen Einband nur ein verstaubtes Buch wurde. Nun liegt es in der Bibliothek der Vergangenheit.

Immer wieder habe ich mir die vergangene Geschichte angesehen, während wir nun unsere eigenen Geschichten schreiben. So hoffe ich, dass wir aus den vergangenen Fragmenten lernen und in unseren Geschichten nicht wieder die gleichen retardierenden Momente auftauchen, die aus der Romanze oder Komödie ein Drama und eine Tragödie machen.

So ist der letzte Satz geschrieben und der letzte Punkt gesetzt, bevor ich die Bände in den ewigen Regalen der Vergessenheit verstaue.

Svensnville, 18.05.2020

 

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