Der Blick in den Spiegel

Ein Blick in den Spiegel kann eine Reise werden

Der Blick in den Spiegel

Ich laufe jeden Tag mindestens einmal an ihm vorbei. An dem Spiegel im Arbeitszimmer. Der Blick in den Spiegel wirft für mich immer wieder neue Fragen auf. Ist der Typ den ich da sehe noch der Typ von damals? Was wird wohl irgendwann aus dieser Gestalt, die immer das gleiche wie ich macht?

Mehr als nur ein Spiegel

Für viele von uns ist ein Spiegel etwas, vor dem wir unser halbes Leben verbringen könnten. Stundenlanges anmalen und das Zupfen in den Haaren bis auch alles sitzt, gehören schon zum Alltag dazu, wie das Schuhe anziehen. Wenn die Person dort nicht perfekt aussieht, dann muss etwas geändert werden. Ein anderes Outfit muss her oder die Frisur muss noch einmal komplett anders gestyled werden. Wenn einem schon selbst die Person im Spiegel nicht gefällt, wie soll sie dann anderen Menschen gefallen? Das Make-Up wird noch einmal überdacht und so geht das halbe Leben vorbei und was wurde erlebt? Nicht wirklich viel?

Dann gibt es aber auch noch andere Menschen. Für sie ist ein Spiegel mehr als nur ein Instrument. Für sie ist es vielmehr eine Reise in die verschiedenen Zeiten. Sie sehen den Menschen dort stehen und stellen sich so viele Fragen, dass sie das fertigmachen total vergessen. An ihnen zieht auch ein halbes Leben vorbei, aber in Form eines Films, einer Geschichte. Sie sehen nicht nur einen Menschen, der sein Aussehen ständig verändert, sondern einen Weg.

3 Zeiten ein Mensch

Wenn ich am Spiegel vorbeilaufe und einen Blick in ihn werfe, bleibe ich oft stehen. Ob die Haare noch richtig sitzen oder das Hemd Falten geschlagen hat, ist dabei in der Regel unwichtig. Für Außenstehende sieht das oft seltsam aus, weil ich einfach „nur starre“, aber würden sie sehen was ich sehe, dann würden sie es vielleicht verstehen. Ich sehe Sven, wie er jetzt gerade vor dem Spiegel steht – sieht gut aus der Junge – und dann öffnet sich eine Tür. Durch diese Tür sehe ich wieder Sven, aber einen anderen. Ich sehe den Sven aus der Vergangenheit und das Leben, das er geführt hat. Dann sehe ich wieder den Sven, der just in diesem Moment einen Blick in den Spiegel wagt. Wie er heute ist und die Dinge, der im Alltag macht. Dann sehe ich noch verschwommen eine Person, die Sven vielleicht mal sein könnte. Einen Menschen, den ich nicht klar erkennen kann.

Vergangenheit

Blick in den Spiegel und die Vergangenheit

Ich sehe einen Menschen, für den die Freiheit das wichtigste Gut war und der sich von niemanden hat etwas sagen lassen. Einen Mann, der vielleicht ein kleiner Chaot war und dennoch seine Prinzipien hatte. Ich sehe einen Sven, dem es egal war, wer was über ihn gedacht hat und der trotzdem immer für seine Freunde da war. Zugegeben er hat viel Mist gebaut und auch heute habe ich noch Schwierigkeiten wegen Dingen, die er getan hat. Das lange Verweilen an einem Ort kam für ihn nicht in Frage, er wollte die Welt entdecken und war bereit dafür jeden Preis zu zahlen. Für ihn war die Kreativität der rote Faden in seinem Leben und ohne diese konnte er nicht leben. Hätte man ihm damals gesagt, dass er sie irgendwann einmal vernachlässigen würde, hätte er einen wahrscheinlich nur ausgelacht. Ich sehe einen Menschen, ohne den es mich heute nicht so geben würde. Und auch wenn ich manchmal bei dem Blick in den Spiegel das Bedürfnis habe ihn zu hauen, bin ich froh, dass es ihn so gegeben hat.

Gegenwart

Blick in den Spiegel-Gegenwart

Da steht er. Der Sven, der ich heute bin. Ein verheirateter Mann, der dem Ich von damals nicht mehr gleicht. Ich sehe einen Menschen, der dem von damals nicht mehr gleicht. Es hat sich vieles verändert. Die Kreativität wurde nach hinten gestellt, um den Menschen in meinem Umfeld nicht vor den Kopf zu stoßen. Das Kind in mir scheint sich langsam zu verabschieden, jedoch versuche ich nach ihm zu greifen, damit es nicht verschwindet. Für das Schreiben ist heute im Alltag nur wenig Zeit, schließlich habe ich Verpflichtungen und muss diesen priorisiert nachkommen. Der Freigeist scheint in dem Spiegel gefangen zu sein und vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieser zerbricht. Ich stelle mir die Frage, ob ich wirklich diese Person bin, die mich just in diesem Augenblick ansieht.

Zukunft

Der ungewisse Blick in den Spiegel

Die andere Person kann ich nicht klar erkennen. Ich kann nur verschwommen eine Silhouette sehen und weiß nicht, wer sich dahinter verbirgt. Ich kenne seinen Weg nicht und habe auch keinen Schimmer, wie sein Leben aussieht. Ob er noch schreibt, kann ich nicht sagen – jedoch hoffe ich es inständig – und auch ob er ein glücklicher Mensch ist, kann ich nicht beantworten. Ich stelle mir die Frage, was ich noch alles erleben werde, bis diese Person klar und deutlich vor mir steht. Was wird dieser Mensch wohl für ein Leben führen? Ich kann nichr einmal erahnen wie lange es dauern wird, bis ich diese Person klar erkennen kann.

Zurück in die Realität

Für mich hat sich der Blick in den Spiegel nach einer Ewigkeit angefühlt. In Wahrheit war es jedoch nur eine Minute. Eine Minute, in der ich auf einer Reise war, die mich durch Jahre geführt hat. Meine Frau steht noch immer vor dem Spiegel im Badezimmer und schminkt sich. Als sie mich fragt, ob ich denn nun fertig sei, fange ich nur an zu schmunzeln und denke mir meinen Teil. Sie würde es nicht verstehen, wenn ich es ihr erklären würde.

 

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