Bevor ich Dich anrufe und alles bereue

Ich liege wach in meinem Bett und denke an Dich. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass du wahrscheinlich schon schläfst. Die Gedanken an Dich werden mit jeder schlaflosen Minute intensiver und das Ticken der Uhr wird zu einer Qual, der ich ausgeliefert bin. Indes wird das Verlangen zum Hörer zu greifen unaushaltbar. Aber bevor ich Dich anrufe, da gehen mir 1.000 Fragen durch den Kopf. Was, wenn ich Dich erreiche, aber er liegt neben Dir. Der, der genau an dem Platz liegt, nach dem ich mich schon seit Wochen sehne und an den ich mich jeden Abend in meinen Gedanken lege. Wir haben uns lange nicht gesehen und ich weiß nicht, ob Deine Nummer überhaupt noch aktiv ist. Vielleicht sollte ich wählen, aber bevor ich Dich anrufe…

…muss ich durchatmen.

Würdest Du rangehen? Würden wir schweigen oder uns davon erzählen, wohin die Fluten der Zeit uns getrieben haben? Würdest du zuhören, wenn ich davon spreche, dass ich wie Robinson Crusoe einsam gestrandet bin? Doch, bevor ich Dich anrufe, muss ich raus. Ich darf den Kummer nicht runterspülen, sonst wärst du der Anruf, den ich morgen bereuen müsste. Deine Nummer steht auf dem Display und ich kralle mich am Handy fest, während ich durch die Straßen schleiche. Zwischen all den bunten Lichtern brennt kurz eine Flamme auf, mit der ich mir eine Kippe anzünde. Ich schaue wieder auf das Display und denke nur: „irgendwann…“. Ich sehne mich nach Betäubung und frage mich zugleich nach dem Sinn, denn immerhin verblassen die Narben damit auch nur bis morgen früh. Narben, die nur Du sehen kannst und die im Kampf gegen die Einsamkeit entstanden sind.

Ich sehe in die Schaufenster und in ihnen das Leben an mir vorbeiziehen, während ich mich wie eine dieser Puppen fühle. Leblos am Rande stehend und nur eine Hülle. Was mich erfüllt, das bist Du, aber bevor ich Dich anrufe und es Dir sage, sollte ich warten. Vielleicht zu lange oder nicht lange genug, um den Moment zu finden, in dem ich nicht auch noch die letzten Ruinen dieser Utopie von Dir und mir zerstöre. Ich gehe nach Hause und fühle diese eisige Kälte, die mich seit Tag X begleitet. Im Hintergrund beschweren sich die Menschen über die schwüle Sommernacht. Wenigstens spüre ich zumindest noch etwas außer die Leere, die Du hinterlassen hast. Es ist die Kälte, die du hinterlassen hast.